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Hintergründe Herbst 1989

Die Kerze als Symbol des
friedlichen Widerstands

D ie Montagsdemonstrationen waren ein bedeutender Bestandteil der Wende in der DDR im Herbst 1989. Es waren Massendemonstrationen, die seit dem 4. Septem­ber 1989 in Leipzig stattfan­den. Im Herbst 1989 fanden auch in anderen Städten der DDR, beispielsweise in Dres­den, Halle, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg, Plauen, Rostock und Schwerin, regelmäßige Demonstrationen statt, zum Teil auch an anderen Wochentagen. Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ meldeten sich Woche für Wo­che Hunderttausende DDR-Bürger im ganzen Land zu Wort und protestierten gegen die politi­schen Verhält­nisse. Ziel war eine friedliche, demokrati­sche Neuordnung, insbesondere das Ende der SED-Herr­schaft. 

Leipzig, die Anfänge

In Leipzig schlossen sich die Montagsdemonstrati­onen an die Friedensgebete in der Leip­ziger Nikolai­kirche an, die seit Mitte der 1980er Jahre maßgeblich von den Pfarrern Chris­tian Führer und Christoph Wonneberger geleitet wurden. Am 4. September 1989 fand die erste Montags-demonstration statt. Die Kundgebung auf dem Nikolaikirchhof mit einigen Transparenten for­derte unter dem Eindruck der Massenflucht vie­ler DDR-Bürger vor allem Reisefreiheit. Weil bundes­deutsche Journalisten vor Ort waren, ver­suchte die Staatssicherheit die Transparente zu ent­fer­nen und die Demonstration aufzulösen. Auf diesen Versuch hin ernteten die Sicherheitskräfte laute „Stasi-raus“-Rufe.

Leipzig: Montag, 9. Oktober 1989

Die Montagsdemonstrationen entwickelten sich zu einer Massenbewegung. Die Parolen Auf die Straße!, Wir sind das Volk und Keine Gewalt! verfehlten ihre Wirkung nicht.

Der Wendepunkt der Montagsdemonstrationen war der 9. Oktober 1989 – die erste Montags-demonst­ration mit echter Massenbeteiligung, bei der viele Beteiligte aller Seiten die gewaltsame Reaktion der chinesischen Staatsmacht auf dem im Hinterkopf hatten, aber letztlich nichts geschah. Zum friedlichen Ausgang trug auch der abendliche Aufruf sechs prominenter Leipziger um Gewand­hauskapellmeister Prof. Kurt Masur, Theologe Dr. Peter Zimmermann, Kabarettist Bernd-Lutz Lange und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Leipzig Dr. Kurt Meyer, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel bei:


Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb verspre­chen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.

Aufruf der Sechs, verlesen von Kurt Masur am Abend des 9. Oktober 1989

Die sechs Persönlichkeiten hatten sich aus Sorge um eine bevorstehende Eskalation der Gewalt, die sowohl durch Gerüchte als auch durch eine einseitige Berichterstattung in der Leipziger Volkszei­tung (für die Pommert als beaufsichtigender Sekretär für Agitation und Propaganda die Mitverantwor­tung trug) für wahrscheinlich gehalten wurde, in Masurs Haus getroffen und den Auf­ruf gemeinsam verfasst. Die drei SED-Sekretäre hatten ihr Vorgehen nicht mit der Parteiführung im Bezirk abgestimmt. Dessen ungeachtet wurde der Aufruf von Masur verlesen und vor Beginn der abendlichen Demonstration über den Stadtfunk in der Leipzi­ger Innenstadt öffentlich ausgestrahlt.

Auch in den Kirchen war der Aufruf verlesen worden. Besonde­ren Anteil an einem friedlichen Ver­lauf hatte auch das besonnene Verhalten der Pfarrer an der Nikolaikirche Chris­toph Wonneberger, Christian Führer und Superintendent Fried­rich Magirius sowie Landesbischof Dr. Johannes Hem­pel. Die Gottesdienstbesucher verließen die Kirche mit bren­nenden Kerzen in der Hand als Zeichen ihrer friedlichen Gesin­nung. Auf dem Vorplatz der Kirche wurden sie bereits von einer Menschen­menge erwartet.

Nachdem die Sicherheitskräfte an diesem Tag in der Leipziger Innenstadt nicht gegen die Demonstra­tion eingriffen (sie hatten lediglich den Befehl zur Eigensicherung im Falle gewaltsamer Angriffe erhalten), konnte sich der Demonstrationszug um den Leipziger Innenstadtring friedlich entwickeln. Der Zug der ca. 70.000 führte auch an der Leipziger Stasizentrale am Dittrichring, der berüchtigten „Runden Ecke“, vorbei.

Die Gründe, die zum Rückzug der Sicherheitskräfte führten, sind bis heute nicht endgültig geklärt. Die Darstellung des SED-Gene­ralsekretärs Egon Krenz ist umstritten. Er hatte später behauptet, er habe persönlich den Befehl zum Rückzug gegeben. Die Ent­scheidung war allerdings auf Leipziger Ebene gefallen: Der amtie­rende 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung und Vorsitzende der Bezirksein­satzleitung Helmut Hackenberg hatte sich mit einer Lagebeschreibung nach Berlin ge­wandt, erhielt aber erst lange nachdem sich die Demonstration aufgelöst hatte, eine hinhaltende Ant­wort von Egon Krenz. Da sie nicht die Verantwortung für das drohende Blutbad übernehmen wollten, trafen zwischenzeitlich Hackenberg als politisch Verantwortlicher und der Leipziger Polizei­präsident (zugleich zuständig für die Kampfgruppen) BDVP Generalmajor Gerhard Straßen­burg als Einsatzleiter die Entscheidung zum Rückzug der Kräfte.

Der eigentliche Auftrag, eine Demonstration zu unterbinden, wurde nicht ausgeführt. Weitere verant­wortliche Befehlshaber in Leipzig waren damals Generalleutnant Manfred Hummitzsch, Lei­ter der Bezirksverwaltung des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) und Generalmajor Klaus Wiegant, Chef des NVA-Militärbezirks III, Leipzig. Diese Entscheidung fiel offenbar in grober Fehl­einschätzung der Dynamik, welche die Ereignisse in den vergangenen Wochen entwickelt hat­ten.

Leipzig: 16. und 23. Oktober 1989

Die Protestbewegung gegen das SED-Regime wächst immer stärker. Die Zahl der Demonstranten steigt explosionsartig.

Am 16. Oktober 1989 nahmen bereits 120.000 De­monstranten teil, militärische Einheiten wurden noch in Reserve gehalten. Die Opposition formiert sich, erzwingt die Untersuchung staatlicher Über­griffe und die Anerkennung des Neuen Forums als Bürgerrechtsorganisation.

An der Montagsdemonstration am 23.10.1989 neh­men allein in Leipzig über 300.000 Menschen teil – die größte Protestkundgebung in der Geschichte der DDR. “Wir spürten, dass wir etwas Bedeutsa­mes erlebten. Es wurden immer mehr, und es wurde immer größer”, so Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel über die Montagsdemos in Leipzig Ende 1989.

In Schwerin demonstrieren 50 000 für Meinungs- und Reisefreiheit. Aufgerufen hat das Neue Fo­rum. Die SED versucht, diese Bewegung umzufunktionieren, und lässt Flugblätter verteilen. Als die Bürgerrechtler die Flugblätter am 23. Oktober 1989 sehen, trauen sie ihren Augen nicht: Auf dem Alten Garten will der “Demokratische Block” der Stadt Schwerin eine Kundgebung abhalten – am selben Ort und zur selben Zeit, zu der das Neue Forum zur Demonstration aufgerufen hat. 

Zeitzeugen erinnern sich an eine aggressive Stimmung, als die Demonstrationsgruppen aufeinander treffen. Als die Bürgerrechtler kein Rederecht erhalten, formieren sie sich zu einem Protestzug durch die Stadt, zum Arsenal und um den Pfaffenteich herum. Vor dem Sitz der SED-Bezirksleitung kommt es zu wütenden Protesten aufgebrachter Bürger. In den Friedensgebeten in den Kirchen wird jedoch immer wieder zur Besonnenheit gemahnt. Es bleibt friedlich.

Mittwoch, 18. Okto­ber 1989

Am Morgen beklagt der bekannte Dresdner Wissenschaftler Manfred von Ardenne, er habe den Ein­druck, daß der Ernst der Situation bis zur Stunde von der SED-Führung noch nicht er­kannt sei. Es fehlten “wesentliche Ta­ten und Veränderungen”. Damit artiku­liert er den Eindruck der Mehrheit der Bevölkerung.

Am Nachmittag kommt dann die Sensa­tionsmeldung des Tages: Erich Honecker ist zurückgetreten. Zum neuen Generalsekretär des SED-Zent­ralkomitees wurde auf seinen Vor­schlag Egon Krenz ge­wählt. Wie es in der Mitteilung über die ZK-Tagung weiter heißt, wurden auch die Politbü­romitglie­der und ZK-Sekretäre Günter Mittag (Wirtschaft) und Joachim Herrmann (Agitation) aus ihren Funkti­onen abberufen.

Damit ist das eigentliche Machtzentrum um Erich Honecker zerschlagen, eine ganze Epoche in der Geschichte der DDR beendet. Diese drei Männer hatten sich im Laufe der Jahre eine Befehlsgewalt angeeignet, die an klassischen Absolutismus grenzte. Honeckers engster Vertrauter Günter Mittag dirigierte und überwachte 22 Wirtschaftsministerien, 224 Kombinate und 3526 Industriebetriebe. Über ein ähnliches Imperium verfügte Joachim Herrmann. Ihm unterstanden nicht nur sämtliche SED-eigenen und -nahestehenden Medien, sondern über die Schaltstelle Presseamt beim Minister­rat auch die Nachrichtenagentur, Rundfunk, Fernsehen sowie alle übrigen Zeitungen und Zeitschrif­ten.

Proteste gegen die Wahl von Egon Krenz

Nachdem Egon Krenz am 18. Oktober Erich Hone­cker als SED-Generalsekretär abgelöst hat, soll er ihn nun auch als Staatsratsvorsitzender beerben. Im Vor­feld der Wahl, die für den 24. Oktober ge­plant ist, pro­testieren 12.000 Bürger in Berlin.

Die neue SED-Führung will durch eine sehr begrenzte Öff­nung die politische Initiative zurückgewin­nen. Sie hofft, damit die wachsende Bürgerrechtsbewegung einzugrenzen und mög­lichst zu integrieren. Krenz hat der SED deshalb einen Kurswechsel verordnet.

Sebastian Pflugbeil vom Neuen Forum sagt in einem Inter­view am 25. Oktober 1989 auf die Frage, ob die Wahl von Krenz ein erfolgversprechender Neuan­fang sei: “Wir halten diese Ämterballung (SED-Chef, Staatsratsvorsitzender und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates – d. Red.) in einer Person für grundsätzlich bedenklich. Wenn so viel Macht in einer Hand vereint ist, sind Korrek­turen und gegenseitige Kontrolle nur schwer vorstell­bar.”

DDR-Medien berichten über die Proteste

Zur “Wende”-Politik von Egon Krenz gehört, dass jetzt auch die DDR-Medien die Proteste aufgrei­fen dürfen. Die staatliche Nachrichtenagentur ADN berichtet am 23. Oktober 1989 ausgiebig über die Demonstrationen, die mittlerweile in vielen Groß­städten der DDR stattfinden. Dabei transpor­tiert ADN auch die Forderungen wie “Visafreiheit” oder “Reden und handeln – Land verwandeln”.

Aus anderen Städten wie Dresden, Rostock, Stral­sund und Berlin gibt es Meldungen über Diskussio­nen. Auch die staatlichen Rundfunk-sen­der der DDR senden Interviews und Kommentare über die Dialogforen, in denen unter anderem über das Recht auf Kriegsdienstverweigerung gestrit­ten wird.

Die “Aktuelle Kamera” berichtet über die De-monst­rationen in Leipzig: “In der Kirche und ihrer Um­gebung hatten sich erneut Zehntausende Bürger der Stadt, aber auch viele Angereiste zusam­menge­funden”.

Über Schwerin heißt es: “Ein Treffen von circa 40.000 Menschen … Gekommen sind sie … zu einer Kundgebung, die auch Platz für Kritik bot.” Auch über die Pressekonferenz im Gemeindehaus Fennpfuhl wird berichtet.

Freitag, 27. Oktober 1989

Der Staatsrat beschließt eine Amnestie für alle illegal ausgereisten DDR-Bürger. Danach sollen bin­nen drei Tagen auch die inhaftierten “Republikflüchtlinge” frei­gelassen werden. Sämtliche Strafverfah­ren wegen die­ses Delikts werden eingestellt. Die Amnestie gilt auch für Personen, die bei nichtgenehmigten Demonstratio­nen festgenommen worden sind.

Der Ministerrat hebt die am 12. Oktober verfügten Rei­sebeschränkungen in die Tschechoslowakei auf. Somit können alle DDR-Bürger wieder visafrei und ohne Paß in das südöstliche Nachbarland reisen. Das heißt, daß auch der Ausreisestrom von täglich über tausend Personen via CSSR und Öster­reich in die Bundesre­publik wieder anschwellen kann. Eine Öffnung der Grenzen und freie Reisemöglichkeiten für alle werden aber nach wie vor ausgeschlossen.

Protestkundgebungen finden nunmehr auch verstärkt in mittleren und kleineren Städten statt. An diesem Abend an über 30 Orten, darunter Güstrow (20.000 Teilnehmer), Dessau (15.000), Saalfeld (10.000), Olbernhau (4000), Parchim (4000), Lauchhammer (3500) und Großräschen (1500).

Samstag, 4. November 1989

Schon seit dem frühen Morgen ist die gesamte Ostberli­ner Innenstadt mit Demonstranten gefüllt. Der Verkehr ruht vollständig. Schauspieler mit grün-gel­ben Schärpen und der Aufschrift “Keine Ge­walt” wir­ken als Ordner und werden von allen wohlwollend ak­zep­tiert. Mit der Volkspolizei ist eine Sicherheitspart­ner­schaft verabredet. Uniformierte sind fast nirgends zu sehen, nicht einmal vor der Volkskammer und dem Staatsratsgebäude, wo fünf Stunden lang Hunderttau­sende vorbeiziehen, um Presse- und Versammlungsfrei­heit zu fordern, radikale Reformen einzuklagen. Nach offiziellen Schät­zungen sind mehr als eine halbe Million Menschen beteiligt.

Es ist die größte Protestdemonstration in der Geschichte der DDR. Zum Abschluß findet auf dem Alexanderplatz eine Kundgebung statt, zu deren Eröffnung der Schauspieler Ulrich Mühe aus­spricht, was alle fühlen: “Es war einfach wunderbar”. Noch nie hat Ostberlin so viel gemeinschaftli­che Entschlossenheit, spontanen Einfallsreichtum und bei aller Radikalität auch Besonnenheit er­lebt. Auch wenn die schwierigste Phase der Umgestaltung noch bevorsteht, sind sich an diesem Tag doch alle darin einig: In den letzten vier Wochen hat sich in der DDR mehr verändert, als in vier Jahr­zehn­ten zuvor. Der 4. November wird zum Markstein. Von nun an kann die SED-Führung an den Forderungen der Massen nicht mehr vorbei, geht es nicht mehr zu alten Herrschaftspraktiken zurück.

 

 

Dienstag, 7. November 1989

Die gesamte Regierung der DDR tritt zurück. Sie wendet sich in einem letzten Appell an die Bevölke­rung, “in die­ser ernsten Situation alle Kraft dafür einzusetzen, daß alle für das Volk, die Ge­sellschaft und die Wirtschaft lebens­notwendigen Funktionen aufrecht erhalten werden”. Bis zur For­mierung eines neuen Kabinetts bleiben die Minis­ter kommissarisch im Amt. Ihre letzte Entschei­dung: Der Wehrkundeunterricht in den Schulen wird abgeschafft.

Auch in den anderen, bisher mit der SED verbündeten Parteien brechen die Widersprüche auf. Die NDPD wählt nach zum Teil kontroverser Debatte Günter Hartmann zum neuen Vorsitzenden. Die Liberaldemokra­ten (LDPD), die selbst den Umbruch mit befördert haben und daher ohne Führungs­wechsel auskommen, fordern einen Kassensturz in der Volkswirt­schaft und vom künftigen Kabinett eine grundlegende Wirtschaftsreform.

Donnerstag, 9. November 1989

Das SED-Zentralkomitee setzt seine Plenartagung fort. Doch nur 24 Stunden nach ihrer Wiederwahl ins Polit­büro setzt die Bezirksbasis die 1. Sekretäre Hans-Joa­chim Böhme in Halle, Werner Walde in Cottbus und Johannes Chemnitzer in Neubrandenburg wieder ab. Auch die langjährige Frauenbe­auftragte des SED-Polit­büros Inge Lange tritt von ihrem Posten zurück. Es herrscht allgemeine Konfu­sion.

Das neu formierte Politbüro einigt sich in einer Mittags­pause darauf, mit einem Beschluß des Minister­rates kurz­fristig eine neue Regelung für Westreisen in Kraft setzen zu lassen, um den anhal­tenden Ausreisestrom über die CSSR künftig über die eigenen Grenzübergangs­stellen abzuwickeln. Die Modalitäten dazu sollen am nächsten Tag von der Regierung bekannt­gegeben werden.

Am Abend informiert Politbüromitglied Günter Scha­bowski über die Ergebnisse des ZK-Plenums. Kurz vor Ende der Pressekonferenz, exakt um 18:53 Uhr, wird er von einem italienischen Journalis­ten zum fehlerhaften Reisegesetzentwurf vom 6. No­vember befragt. Daraufhin verkündet Scha­bowski, daß heute eine neue Entscheidung zur Regelung der ständigen Ausreise getroffen worden sei. Er verliest dann die eigentlich für den nächsten Tag bestimmte Pressemitteilung, wonach künf­tig Privatreisen auch ohne besondere Voraussetzungen bei der Polizei beantragt werden können. Auf die Nachfrage “Wann tritt das in Kraft?” antwortet Scha­bowski: “Nach meiner Kenntnis ist das so­fort, unverzüglich.”

Wenig später verkünden die Nachrichtenagenturen AP und dpa, die DDR habe ihre Grenzen geöff­net. Die Meldung wird zum Aufmacher der Hauptnachrichtensendungen am Abend. Tausende Ostber­liner strömen daraufhin zu den Grenzübergängen, um sich von dem Unglaublichen vor Ort zu überzeugen. Doch dort ist alles verschlossen, denn die Offiziere haben bisher keinerlei Weisun­gen zur Öffnung erhalten.

Es spielen sich tumultartige Szenen ab. Tausende drängen von hinten nach, vorn am Schlagbaum wird es immer bedrohlicher. Keiner weiß genau, ob es sich nun um ein Gerücht, einen Versprecher oder tatsächlich um eine gültige Entscheidung handelt. Auch die Grenzsoldaten sind nicht aussagefä­hig und völlig überfordert. Eine halbe Stunde vor Mitternacht entschließen sich einzelne Grenzkommandanten, die Tore einfach zu öffnen. Die Meldung an die Zentrale lautet: “Wir fluten jetzt.”

Montag, 13. November 1989

Hans Modrow (61) wird von den Abgeordneten der Volkskammer bei nur einer Gegenstimme mit der Bil­dung einer neuen Regierung beauftragt. Der Dresdner SED-Parteichef galt bereits seit länge­rem im In- und Ausland als “Hoffnungsträger”. Der reformfreudige, auf­geschlossene und selbstbe­wußte Mann, dem jeder Sinn für äußerliche Machtattribute abgeht, war lange Zeit gezielt vom Zent­rum der Macht in Ostberlin fernge­halten worden. Noch im Frühjahr 1989 hatte ihn der ZK-Sekretär Günter Mittag wegen “schlechter Par­tei­arbeit” in seinem Bezirk öffentlich gerüffelt.

Einen besonders schweren Stand bei den Abgeordneten der Volkskammer hat dagegen der 82jährige ehemalige Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke. Er nimmt mit sichtbarer Verwunderung die zahlreichen Unmutsäußerungen zur Kenntnis, die er auf seine verharmlosende Darstellung der Staats­sicherheit erntet. Zur Rechtfertigung ruft er schließlich verwirrt aus: “Aber ich liebe euch doch, ich liebe doch alle Menschen!”

Auf der Montagsdemonstration in Leipzig sind neue Töne zu hören: “Deutschland einig Vaterland” ist in schwarz-rot-goldener Schrift auf ein weißes Transparent gemalt, und es dauert auch nicht lange, bis ein Sprechchor daraus wird. Auf anderen Plakaten ist die Forderung “Abrechnung mit den Chaosverantwortlichen” und “Weg mit der SED” zu lesen.

In Dresden (100.000), Karl-Marx-Stadt (50.000), Wismar (20.000), Neuruppin (12.000), Schwerin (10.000), Cottbus (10.000), Magdeburg (10.000), Bautzen (10.000),Heiligenstadt (9000), Halle (8000), Sonneberg (7000), Apolda (5000), Pößneck (4000), Neubrandenburg (3000) und Zwickau (3000) verlangen die Demonstranten dauerhaft verbriefte Reisefreiheiten, “Westgeld für mündige Bürger”, einen Volksentscheid über Artikel 1 der Verfassung (Führungsanspruch der SED) und bal­dige freie Wahlen.

Samstag, 18. November 1989

An diesem zweiten Wochenende mit offener Grenze sind Milli­onen DDR-Bürger unterwegs, um nahegelegene Städte in der Bundesrepublik oder Westberlin zu besuchen. Die Züge der Reichsbahn sind “zu 400 Prozent ausgelastet”. Auf den Bahnhöfen kommt es zu tumultartige Szenen. Vor den Auto­bahngrenzübergängen bilden sich trotz zügiger Abfertigung kilometerlange Schlangen.

Es lockt nicht nur das Neue, sondern auch das Begrüßungs­geld der Bundesregierung, das neben dem Umtausch von 15,- DM pro Person und Jahr in der DDR die einzige Möglichkeit ist, legal an Devisen zu gelangen. Vie­len reicht dies noch nicht aus, da die übervollen Schaufenster allzu sehr locken. Erneut fließen große Mengen der DDR-Währung in die Wechselstuben, auch wenn der Kurs mit 1:12 bis 1:20 sehr schlecht ist. Ministerpräsident Hans Modrow warnt angesichts dieser Situation seine Lands­leute, ihr hart verdientes Geld “im Westen nicht wegzuwerfen”.

Im Staatsrat wird die neue Koalitionsregierung durch den Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz verei­digt. Statt einer Eidesformel gibt es einen einfachen Handschlag. Doch es bleibt der Makel, daß es sich um keine demokratisch legitimierte Regierung handelt. Sie ist nicht aus freien Wahlen hervorge­gangen. Auch die neuen politischen Kräfte sind nicht vertreten. Es ist eine Übergangsregie­rung.

In Leipzig findet auf dem Dimitroffplatz die erste genehmigte Kundgebung des Neuen Forum statt, zu der angesichts des Reisestroms gen Westen weniger Menschen kommen als erwartet. Etwa 20.000 fordern freie Wahlen und Pressefreiheit. Auch in Plauen ziehen 10.000 vor das Rathaus und im thüringischen Suhl folgen etwa 5000 dem Aufruf des Neuen Forum. In Eberswalde-Finow sind es 7000 Menschen. Zu den immer wiederkehren­den Forderungen gehören die nach radikalen Wirt­schaftsreformen, nach Demokratisie­rung des politischen Lebens und dem Schutz der Umwelt. In Dresden findet eine Kundgebung von 50.000 Menschen für die Rettung der Baudenkmäler der Stadt und die Beendigung des Ausverkaufs von nationalen Kunst- und Kulturgütern statt.

Dienstag, 28. November 1989

Bundeskanzler Helmut Kohl verkündet seinen sogenannten Zehn-Punkte-Plan zur Überwindung der deutschen Tei­lung. Er schlägt darin einen schrittweisen Ausbau der Bezie­hungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR hin zu einem Bundesstaat vor.

Bonn macht jedoch wirtschaftliche Hilfe von “sachlichen Voraussetzungen” abhängig. Dazu gehören freie Wahlen, der Verzicht der SED auf einen Führungsanspruch, Freilas­sung der politischen Gefangenen und Abbau der Planwirt­schaft zugunsten “marktwirtschaftlicher Bedingungen”. Ziel ist die Entwicklung konföderativer Strukturen, das heißt die Schaffung einer “bundesstaatlichen Ordnung in Deutschland”. Von einer unmittelbaren Vereinigung beider deutscher Staaten ist nicht direkt die Rede.

Egon Krenz erklärt dazu, daß er auf der Existenz zweier unabhängiger souveräner deutscher Staaten bestehe.

Die christdemokratische Regionalzeitung “Der Demokrat” berichtet aus Rostock, daß bis vor kur­zem noch im Hauptpostamt der Bezirksstadt Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit alle eingehende Post aus Westdeutschland und dem westlichen Ausland kontrolliert hätten. Dafür sei eine ganze Etage im Postamt II geräumt worden. Diese Abteilung habe intern den Spitznamen “Her­bert” gehabt.

 

Aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie, Christoph Links Verlag, Berlin, bundesregierung.de

Eine Aktion der *KulturFreunde* Ettlingen, Oktober 2009

http://oktober89.besucht-ettlingen.de

Oktoberkerze“ am Ettlinger Rathaus


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